Mehr System, weniger Schuldgefühle – Was Fahrradhelme mit Klimaschutz zu tun haben

Warum die Niederländer kaum Helme tragen – und was das mit Klimapolitik zu tun hat. Ein Blick auf zwei völlig unterschiedliche Ansätze zur Verantwortung im Alltag.

In den Niederlanden trägt kaum jemand einen Fahrradhelm. Während in Deutschland rund 30 % der Radfahrer einen Helm nutzen, liegt die Quote in Amsterdam eher bei 1-3 %.

Unsere sympathischen Nachbarn im Nordwesten haben ein anderes Verständnis von Vorsorge als wir: Sie argumentieren, dass eine sichere Infrastruktur weit wichtiger sei als individuelle Schutzmaßnahmen wie Helme. Wer einen Helm tragen muss, um sicher Rad zu fahren, so die Denkweise, bewegt sich offenbar in einer nicht ausreichend geschützten Umgebung.

Der Erfolg gibt den Niederländern Recht: Studien zeigen, dass das Unfallrisiko niederländischer Radfahrer pro Kilometer geringer ist als in vielen anderen Ländern.

Statt die Verantwortung für Verkehrssicherheit auf den Einzelnen abzuwälzen, optimieren die Niederländer lieber ihr Verkehrssystem. Es wäre ja auch paradox zu behaupten, Helmverweigerer seien selbst schuld an Fahrradunfällen. Dennoch appellieren deutsche Helm-Kampagnen eher an die “persönliche Verantwortung” für den eigenen Schutz.

Eine ähnlich verkürzte Sichtweise prägt in Deutschland auch die Debatte über Umwelt- und Klimaschutz: Statt strukturelle Lösungen in den Fokus zu rücken, wird häufig der individuelle Konsum thematisiert. Zahlreiche Kampagnen legen nahe, dass es in erster Linie am Verbraucher liege, die Umwelt zu retten. Beispiele dafür:

  • „Deutschland wird Recyclingmeister“ – Diese Kampagne vermittelte, dass korrekte Mülltrennung einen entscheidenden Beitrag zum Umweltschutz leistet.
  • „Jeder Tropfen zählt“ – Durch kürzeres Duschen sollte der Wasserverbrauch reduziert werden.
  • „Energiesparen im Haushalt“ – Ziel war es, das Bewusstsein für den eigenen Energieverbrauch zu schärfen.
  • „Klimaschutz – Jeder Beitrag zählt“ – Eine breit angelegte Kampagne, die zu nachhaltigem Konsum wie regionalen Produkten und weniger Plastik aufrief.

Natürlich gibt es ähnliche Kampagnen auch in anderen Ländern. Eine der größten Ablenkungsstrategien zur Verschiebung von Verantwortung wurde von BP erfunden: der „individuelle CO₂-Fußabdruck“.

Und tatsächlich ist es perfide: Ja, Millionen individueller Konsumentscheidungen beeinflussen den CO₂-Ausstoß erheblich. In der Summe zählt das Verhalten jedes Einzelnen.

Gleichzeitig sind jedoch nur 100 Unternehmen für 70 % der industriellen CO₂-Emissionen aus fossilen Brennstoffen verantwortlich. Wäre es nicht effektiver, diese Unternehmen strenger zu regulieren, anstatt Millionen von Bürgern mit Appellen zur Verhaltensänderung zu drangsalieren?

Vielleicht kann uns die niederländische Haltung zum Thema Fahrradhelme inspirieren: Statt die Verantwortung auf den Einzelnen abzuwälzen, muss zuerst das System angepasst werden – ob fahrradfreundlich oder klimaschutztauglich.

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