Wie teuer ist Atomstrom eigentlich? Rechnen wir mal selbst.
Ein neues Atomkraftwerk zu bauen ist wahnsinnig teuer. Beispiele:
- Hinkley Point C (England): bis zu 53 Milliarden €, entspricht 16.000 €/kW
- Flamanville (Frankreich): 23,7 Milliarden €, entspricht 15.000 €/kW
- Olkiluoto 3 (Finnland): 11 Milliarden €, entspricht 7.000 €/kW
- Vogtle 3 (USA): 13,5 Milliarden €, entspricht 12.000 €/kW
Rechnen wir im Folgenden pessimistisch und gehen von 16.000 €/kW aus.
Die Kapitalkosten umfassen neben den Baukosten auch die Finanzierungskosten, also die Verzinsung des Fremdkapitals und eine Rendite für den Eigentümer. Unter den Annahmen, dass ein Kraftwerk zu 30% mit Eigenkapital finanziert wird und zu 70% über Darlehen, dass der Darlehenszins bei 5% liegt und der Eigner eine Rendite von 10% erwartet, ergibt sich bei einem Steuersatz von 30% ein gewichteter, durchschnittlicher Kapitalkostensatz (WACC) von 5,5%.
Wenn man diesen Zinssatz auf das investierte Kapital ansetzt, das über 45 Jahre abgeschrieben wird, kommt man auf zusätzliche 20.000 € pro Kilowatt Leistung, insgesamt also 36.000 €/kW.
Wieviel bedeutet das pro erzeugte Kilowattstunde? Um die Fixkosten aus Bau und Finanzierung sinnvoll auf die Erzeugungsmenge umzulegen, muss man eine Annahme über die Einsatzdauer eines Atomkraftwerks treffen. Historisch liefen Atomkraftwerke als Grundlastkraftwerke etwa 8.000 Stunden pro Jahr. Das würde eine Erzeugungsmenge von
8.000 Stunden x 45 Jahre = 360.000 kWh
pro Kilowatt Erzeugungsleistung bedeuten und rechnerisch Kapitalkosten von
36.000 € / 360.000 kWh = 10 Cent pro Kilowattstunde.
Dazu kommen die Betriebskosten, also insbesondere Kosten für Brennelemente, für Personal und Instandhaltung. Das @EWI hat diese in einem „Merit Order Tool“ aus dem Jahr 2022 mit 1,8 Cent pro Kilowattstunde beziffert.
Atomstrom kostet also etwa 11,8 Cent pro Kilowattstunde. Zum Vergleich: die Stromgestehungskosten für Photovoltaik liegen laut @Fraunhofer Institut für solare Energiesysteme zwischen 4,1 und 14,4 Cent pro Kilowattstunde, für Onshore-Wind bei 4,3 bis 9,2 Cent pro Kilowattstunde. Da erscheint Atomstrom durchaus noch konkurrenzfähig – insbesondere, weil er jederzeit zur Verfügung steht.
Ein Problem entsteht allerdings, wenn die Kraftwerke nicht durchlaufen können, weil sie in der Merit Order von Erneuerbaren ausgestochen werden: dann müssen die hohen Kosten auf viel geringere Mengen umgelegt werden, und der Preis pro Kilowattstunde steigt drastisch. Das Fraunhofer-Institut schätzt bei 2.000 Einsatzstunden pro Jahr Kosten von bis zu 49 Cent pro Kilowattstunde!
Atomstrom und #Erneuerbare vertragen sich also nicht gut, denn als reine Restlastkraftwerke taugen Kernkraftwerke nicht. In einem Strommix sollte man entweder auf das eine oder das andere setzen.
Als Bandlieferanten sind Atomkraftwerke allerdings preislich konkurrenzfähig. Das macht sie beispielsweise als Partner für Rechenzentren, die ihren Strom mit PPA-Verträgen einkaufen, durchaus interessant.